Allgemeine Soziologie, insbesondere Handlungs- und Interaktionstheorien

DFG-Forschungsprojekt: Die doppelte Kontingenz der Inszenierung. Zur Präsentation politischer Akteure in Personality‐Talkshows des deutschen Fernsehens.

Das Image politischer Akteure in ihrer Rolle als Privatperson wird im Zuge weitgehender Prozesse der Personalisierung des Politischen für den Machterwerb und Machterhalt in modernen Gesellschaften zunehmend wichtiger. Fernsehformate wie die Personality‐Talkshow sind daher zu einer wichtigen Komponente der politischen Öffentlichkeit geworden, die Wahlentscheidungen der Bürger beeinflussen kann. Politiker versuchen, sich dort als Sympathieträger und vertrauenswürdige Persönlichkeiten zu inszenieren. Die Sendungen sind jedoch keine Bühnen, die den Gästen frei zur Selbstpräsentation überlassen werden. Auch „die Medien“ agieren hier als eigensinnige und interessegeleitete Akteure. Dadurch gewinnt der Inszenierungsprozess eine „doppelte Kontingenz“. Sie entsteht im Kampf um Inszenierungsdominanz, der sich zum einen vor den Kameras im Gespräch ereignet. Zum anderen erhalten hinter den Kameras die Inszenierungen der Talk‐Gäste durch Kameraarbeit, Bildauswahl und Regie andere audio‐visuelle Bedeutungsschichten. Das wissenssoziologische Forschungsvorhaben setzt sich zum Ziel, diesen komplexen Prozess anhand eines begründet ausgewählten Samples von Talksendungen zu rekonstruieren. Erforscht werden soll konkret:
- Welche Rollen des Selbst inszenieren politische Akteure dort mit welchen Mitteln?
- Welche Inszenierungen mit welchen Rollen setzen die Talkmoderatoren, z.T. auch die anderen Gäste vor den Kameras entgegen?
- Welche Inszenierungen werden hinter den Kameras vorgenommen, um das Geschehen in Form von Geschichten mit Unterhaltungswert neu zu erzählen und den Politikern dabei andere Rollen zuzuschreiben als die, welche sie selbst für sich gewählt hatten.

Die empirische Arbeit folgt einem erweiterten Konzept der interpretativen „Videographie“ (Analysen audiovisueller Daten, Interviews, Beobachtungsverfahren und Dokumentenanalysen). Die Resultate der Forschung versprechen neue Einsichten in die Funktionsweise politischer Öffentlichkeit in der Gegenwartsgesellschaft.

Projektleitung:
Prof. Dr. Ludgera Vogt / Prof. Dr. Andreas Dörner
Wiss. Mitarbeiter: Matthias Bandtel, M.A.


 


Veröffentlichung:

Link zum Buch "Riskante Bühnen"                  

Riskante Bühnen

Politiker können sich in Personality-Talkshows als umgängliche Menschen präsentieren und ein breites, auch politik- und bildungsfernes Publikum ansprechen. Allerdings bergen solche Medienauftritte auch Risiken. In den Interaktionen zwischen Moderation, Redaktion, Gästen und Studiopublikum können sich unvorhersehbare Situationen entwickeln und die mediale Inszenierung durch Kameraarbeit, Bildregie und Einspielfilme schreibt dem Geschehen ganz eigene Bedeutungen zu. Die Studie rekonstruiert diese komplexe Logik über Sendungsanalysen und empirische Feldforschung, inklusive sozialwissenschaftlicher Interviews mit Politikern, Medienakteuren und Beratern. 

Der Inhalt:
Inszenierung und Kontingenz auf den Vorder- und Hinterbühnen • Stand der Forschung • Die Personality-Talkshow • Der Bundestagswahlkampf 2009 • Zur Methodologie und Methode • Die Fabrikation des Personality-Talks • Die Inszenierung politischer Akteure im Personality-Talk • Die Befunde der Studie und ein Ausblick

Die Autoren:
Dr. Andreas Dörner hat eine Professur für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg inne.

Dr. Ludgera Vogt hat eine Professur für Allgemeine Soziologie an der Bergischen Universität Wuppertal inne.

Matthias Bandtel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Soziologie am Fachbereich Bildungs- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal.

Dr. Benedikt Porzelt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

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